„Aber er läuft doch noch.“

Diesen Satz hören wir in der Praxis häufig. Und er ist verständlich: Ein Hund, der noch spazieren geht, frisst, spielt oder sogar begeistert einem Ball hinterherläuft, wirkt nicht wie ein Tier mit relevanten Schmerzen.

Trotzdem kann genau das der Fall sein.

Chronische Schmerzen sehen oft anders aus als akute Schmerzen. Sie entwickeln sich langsam, werden Teil des Alltags – und Hunde passen ihr Verhalten erstaunlich gut daran an.

Deshalb ist nicht nur wichtig, ob ein Hund noch etwas tut, sondern auch wie er es tut und was sich im Laufe der Zeit verändert hat.

Chronischer Schmerz ist nicht immer spektakulär

Akute Schmerzen fallen meist schneller auf.

Ein Hund schreit auf, entlastet plötzlich ein Bein oder verweigert eine bestimmte Bewegung. Chronische Schmerzen dagegen entstehen häufig schleichend.

Typische Beispiele sind:

* Arthrosen
* chronische Rückenbeschwerden
* Hüft- oder Ellenbogengelenkserkrankungen
* degenerative Veränderungen
* alte Verletzungen
* länger bestehende orthopädische Erkrankungen

Der Körper und auch das Verhalten passen sich daran an.

Ein Hund findet Wege, Bewegungen zu vermeiden, Gewicht anders zu verlagern oder Belastungen zu verkürzen.

Das kann so selbstverständlich werden, dass die Veränderung im Alltag kaum noch auffällt.

„Er rennt noch“ bedeutet nicht automatisch „Er hat keine Schmerzen“

Hunde können trotz Schmerzen Dinge tun, die ihnen wichtig sind.

Freude, Aufregung, Jagdtrieb oder das gemeinsame Spiel können Schmerz vorübergehend überlagern.

Ein Hund kann also durchaus begeistert einem Ball nachlaufen und später deutlich steifer sein.

Oder er springt noch ins Auto – braucht dafür aber mehrere Anläufe.

Vielleicht läuft er auf dem Spaziergang noch gut mit, steht danach aber nur schwer wieder auf.

Nicht die einzelne Aktivität entscheidet deshalb über Schmerzfreiheit, sondern das Gesamtbild.

Typische Veränderungen im Alltag

Chronische Schmerzen zeigen sich häufig in kleinen Dingen.

Zum Beispiel:

* der Hund steht langsamer auf
* er braucht nach dem Schlafen einige Schritte, bis er „eingelaufen“ ist
* Treppen werden zögerlicher genommen
* ins Auto springen fällt schwerer
* er vermeidet bestimmte Untergründe
* Spaziergänge werden kürzer oder langsamer
* er bleibt häufiger stehen
* er legt sich schneller hin
* Wendungen wirken steifer
* er sitzt schief oder entlastet eine Körperseite
* bestimmte Bewegungen werden vermieden

Auch Veränderungen, die zunächst wie „Alter“ wirken, können mit Schmerzen zusammenhängen.

Schmerz verändert nicht nur Bewegung

Chronische Schmerzen können auch das Verhalten beeinflussen.

Ein Hund kann:

* reizbarer werden
* Berührungen weniger mögen
* sich häufiger zurückziehen
* schlechter schlafen
* nachts unruhiger sein
* weniger spielen
* schneller erschöpft sein
* Körperkontakt vermeiden
* beim Anfassen bestimmter Bereiche ausweichen

Manchmal wird ein Hund als „stur“, „grummelig“ oder einfach „alt“ beschrieben.

Dabei kann Schmerz ein wichtiger Teil der Veränderung sein.

Hunde kompensieren erstaunlich lange

Der Bewegungsapparat funktioniert als Einheit.

Wenn ein Gelenk schmerzt, versucht der Körper, dieses Gebiet zu entlasten. Andere Muskeln und Gelenke übernehmen mehr Arbeit.

Das kann lange funktionieren.

Mit der Zeit entstehen dadurch jedoch neue Belastungsmuster.

Ein Problem an einem Bein kann zum Beispiel zu Verspannungen an anderer Stelle führen. Rücken und andere Gliedmaßen werden stärker beansprucht.

Deshalb ist bei chronischen Beschwerden nicht immer nur dort etwas auffällig, wo die ursprüngliche Ursache liegt.

Warum sich Halter an Veränderungen gewöhnen

Chronische Erkrankungen entwickeln sich oft über Monate oder Jahre.

Das macht sie so schwer zu erkennen.

Wenn ein Hund jede Woche ein kleines bisschen langsamer wird, gibt es selten den einen Moment, an dem man denkt:

„Seit heute hat mein Hund Schmerzen.“

Viel häufiger entsteht irgendwann der Eindruck:

„Er ist eben älter geworden.“

Erst wenn eine Behandlung die Beschwerden verbessert, fällt manchmal auf, wie viel sich vorher schleichend verändert hatte.

Ein Hund steht plötzlich wieder schneller auf, läuft freiwilliger oder sucht wieder häufiger Kontakt.

Dann hört man nicht selten:

„Ich wusste gar nicht, wie eingeschränkt er vorher schon war.“

Alter ist keine Diagnose

Natürlich verändern sich Hunde mit zunehmendem Alter.

Sie schlafen mehr, werden möglicherweise langsamer und ihre Kondition verändert sich.

Aber Schmerzen sollten nicht automatisch als normaler Bestandteil des Alterns betrachtet werden.

Ein älterer Hund darf langsamer sein.

Er sollte aber möglichst nicht jeden Tag Schmerzen haben müssen.

Wenn sich Beweglichkeit oder Verhalten verändern, lohnt sich deshalb eine orthopädische Untersuchung.

Wie chronische Schmerzen erkannt werden

Am Anfang steht die Beobachtung.

In der Praxis schauen wir unter anderem auf:

* Gangbild
* Haltung
* Beweglichkeit der Gelenke
* Muskulatur
* Schmerzreaktionen
* Wirbelsäule
* Belastung einzelner Gliedmaßen

Je nach Befund können weitere Untersuchungen sinnvoll sein.

Dazu gehören beispielsweise Röntgenaufnahmen oder andere bildgebende Verfahren.

Wichtig ist aber auch das, was Sie zu Hause beobachten.

Denn ein Hund verhält sich in der Tierarztpraxis nicht immer genauso wie im vertrauten Umfeld.

Videos aus dem Alltag können sehr hilfreich sein

Wenn Ihr Hund nur gelegentlich lahmt oder bestimmte Bewegungen auffällig sind, filmen Sie ihn.

Besonders hilfreich sind kurze Videos:

* beim normalen Gehen
* beim Aufstehen
* auf der Treppe
* beim Einsteigen ins Auto
* nach längerer Ruhe
* nach einem Spaziergang

Solche Aufnahmen können Veränderungen sichtbar machen, die während eines einzelnen Praxisbesuchs gerade nicht auftreten.

Schmerztherapie bedeutet nicht automatisch dauerhaft Medikamente

Chronische Schmerztherapie besteht häufig aus mehreren Bausteinen.

Je nach Ursache und Patient können dazu gehören:

* Schmerzmedikamente
* Gewichtsmanagement
* angepasste Bewegung
* Physiotherapie
* gezielter Muskelaufbau
* Akupunktur
* Goldakupunktur
* Anpassungen im Alltag
* Behandlung begleitender Erkrankungen

Nicht jeder Hund braucht alles.

Das Ziel ist eine individuelle Kombination, die möglichst viel Lebensqualität bei möglichst wenig Belastung ermöglicht.

Bewegung ist wichtig – aber die richtige Bewegung

Bei vielen chronischen Erkrankungen ist komplette Schonung nicht sinnvoll.

Muskulatur stabilisiert Gelenke und unterstützt den Bewegungsapparat.

Wichtig ist deshalb meist regelmäßige, kontrollierte Bewegung.

Oft günstiger sind:

* mehrere kürzere Spaziergänge
* gleichmäßiges Tempo
* möglichst wenig abruptes Stoppen und Starten
* kontrollierter Muskelaufbau

Weniger günstig können dagegen je nach Erkrankung sein:

* wildes Ballspiel
* abruptes Abbremsen
* schnelle Richtungswechsel
* große Sprünge
* unkontrollierte Belastung

Welche Bewegung sinnvoll ist, hängt immer vom individuellen Befund ab.

Lebensqualität ist wichtiger als ein perfektes Röntgenbild

Bei chronischen Erkrankungen können wir nicht jede Veränderung rückgängig machen.

Eine Arthrose bleibt eine Arthrose.

Entscheidend ist deshalb nicht ausschließlich, wie ein Gelenk auf dem Röntgenbild aussieht.

Wichtiger ist:

Wie geht es dem Hund damit?

Kann er sich gern bewegen?

Kommt er gut hoch?

Kann er seinen Alltag genießen?

Schläft er entspannt?

Nimmt er weiterhin am Familienleben teil?

Das sind zentrale Fragen einer guten Schmerztherapie.

Wann sollte ein Hund untersucht werden?

Eine Untersuchung ist sinnvoll, wenn Sie feststellen, dass Ihr Hund:

* wiederholt lahmt
* nach Ruhe deutlich steif ist
* Schwierigkeiten beim Aufstehen hat
* Treppen oder Sprünge zunehmend vermeidet
* langsamer oder weniger gern läuft
* bestimmte Bewegungen meidet
* sich beim Berühren anders verhält
* ohne erkennbare Ursache reizbarer wird

Auch kleine Veränderungen können wichtig sein – besonders, wenn sie über längere Zeit bestehen.

Nicht fragen: „Kann er noch?“

Eine hilfreichere Frage ist:

„Wie leicht fällt es ihm noch?“

Denn ein Hund kann noch vieles tun und trotzdem Schmerzen haben.

Das Ziel einer guten Schmerztherapie ist deshalb nicht nur, dass ein Hund irgendwie weiterläuft.

Es geht darum, dass Bewegung möglichst angenehm bleibt und das Tier seinen Alltag mit Freude und möglichst wenig Beschwerden erleben kann.

Tierarztpraxis Welk
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